Potosí; Stadt und Silberminen

Die unstillbare Gier nach Silber

Seit Jahrhunderten bestimmt ein Berg das Schicksal der in den bolivianischen Zentralanden gelegenen Stadt Potosí; kein bedrohlicher Vulkan, kein heiliger Sitz einer mächtigen Gottheit, sondern ein kahler Bergstumpf, der in seinem Inneren ein wertvolles Geheimnis birgt: Silber. Der Cerro Rico, der "reiche Berg", ragt mahnend über diese einstmals so reiche Kolonialstadt, die inmitten der kargen Bergwelt ein wenig verloren wirkt. Noch heute ist sie von der Außenwelt nahezu abgeschnitten - erst vor wenigen Jahren wurde eine asphaltierte Straße in die 165 Kilometer entfernte Nachbarstadt Sucre fertig gestellt. Dabei war Potosí in seiner Blütezeit im 17. Jahrhundert mit 150 000 Einwohnern eine der größten Städte der Welt; selbst London und Paris hatten seinerzeit weniger Einwohner. Die vom schnellen Reichtum geblendeten Minenbesitzer spanischer Herkunft gaben sich in ihren prächtigen Wohnpalästen den Vergnügungen eines sorgenfreien Lebens hin und feierten ausschweifende Gelage, während Tausende von indianischen Fronarbeitern unter menschenunwürdigen Bedingungen in den Silberminen schufteten und dort ihr Leben aufs Spiel setzten.

Stadt Potosí mit dem "reichen Berg" im Hintergrund
© aisa, Barcelona

Die Geschichte der rücksichtslosen Ausbeutung der indianischen Urbevölkerung begann mit der Entdeckung der reichen Silbervorkommen in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts, nachdem die spanischen Conquistadores wenige Jahre zuvor das einst so mächtige Inkareich vernichtet und die Bewohner des westlichen Südamerika ihrer Herrschaft unterworfen hatten. Der spanische Vizekönig Francisco de Toledo bediente sich dabei des inkaischen Systems der Mita, das die Mitglieder des Inka-Staates zur Arbeit für den Staat verpflichtete. Obwohl die Rechte der indianischen Arbeiter formell geregelt waren, unterlagen sie der Willkür der Minenbesitzer, die sie als Leibeigene betrachteten und dementsprechend behandelten. So schufteten die geschundenen Indianer tagein, tagaus im dunklen Bauch des Silberberges, den ein Dominikanermönch schon wenige Jahre nach Beginn der Ausbeutung als "Eingangspforte zur Hölle" bezeichnete. Tausende erlagen den unmenschlichen Arbeitsbedingungen unter Tage, und auch die Übrigen hatten nur eine sehr kurze Lebenserwartung, denn gegen die von den Weißen eingeschleppten Krankheiten waren sie nicht gewappnet. "Vale un Potosí" ist bis heute ein gängiger Begriff, um etwas besonders Wertvolles anzuzeigen - für die Minenarbeiter von Potosí war er der blanke Hohn.

Historische Münzprägemaschine in der Casa Real de la Moneda
© aisa, Barcelona

Unvorstellbare Mengen des kostbaren Edelmetalls wurden mit Eselskarawanen über unwegsame Gebirgspässe an die Küste und von dort in den Bäuchen Hunderter von Segelschiffen nach Europa transportiert. Man sagt, man hätte eine breite Straße aus reinem Silber von Potosí nach Sevilla bauen können, eine massive Brücke über den Atlantischen Ozean inbegriffen. Dieses Silber war nicht nur die Grundlage für den Reichtum des spanischen Königreiches, sondern vielmehr auch die Basis der industriellen Entwicklung im übrigen Europa. Doch für die südamerikanische Kolonie Alto Peru, zu der Potosí während der Kolonialzeit zählte, fiel von dem sagenhaften Reichtum nur wenig ab.

Abbau von Zinn in Potosí
© aisa, Barcelona

Ab der Mitte des 17. Jahrhunderts wurde der Abbau des wertvollen Minerals zunehmend schwieriger und damit weniger lukrativ. Massenweise verließ die Bevölkerung die Stadt, und die spanische Krone reagierte auf die langsam versiegende Einnahmequelle mit drastischen Steuererhöhungen. Trotz weiterer Silbererzfunde in der Stadt Oruro, die sich schon bald zu einer neuen "Boomtown" entwickelte, war die Blütezeit der Silberförderung in Hochperu vorbei. Potosí geriet schnell ins Abseits, Paläste und Kirchen waren dem Verfall preisgegeben. Zwar schmücken noch heute koloniale Prachtbauten und eindrucksvolle Kirchen das Bild der Innenstadt, doch für die Menschen im bolivianischen Bergland hat sich nur wenig geändert. Noch immer durchwühlen sie die umliegenden Berge nach wertvollen Mineralien, immer tiefer werden die engen Stollen ins Innere der Erde getrieben, um ihr auch das letzte Mineral zu entreißen.

Detlev KirstJg. 1962, freiberuflicher Journalist und Fotograf, Tätigkeit als Studienreiseleiter und als Buchautor, Veröffentlichungen zu Mittel- und Südamerika